Das Unausdrückbare

(Quel che segue è l’estratto da una conversazione con Nina Schröder apparsa sull’ultimo numero dell’annuario «filadrëssa» della casa editrice Raetia dedicato alla traduzione. SZ)

Herr Zangrando, Sie sind einer der wenigen literarischen Übersetzer aus Südtirol. Empfinden Sie sich als Vermittler zwischen den Kulturen?

Wenn man Komparatist wird, entwickelt man die Rolle des Vermittlers zwischen den Kulturen. Und in meinem Fall war das, natürlich auch aus biografischen Gründen, die Vermittlung zwischen deutscher und italienischer Kultur.

Das Übersetzen wurde Ihnen in Bozen gewissermaßen schon in die Wiege gelegt?

Meinen ersten Deutschkurs habe ich mit 12 besucht. Aber nein: Bozen war nicht die Wiege. Das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin, war italienisch. Sicher gab es die zweisprachigen Schilder rundherum, die Deutschlehrerin usw., aber das war schon alles.
Ich muss sagen: Erst in Berlin, also erst in Deutschland, mit 27, habe ich wirklich Deutsch gelernt, als ich tatsächlich in die Sprache und in ihr Milieu abgetaucht bin.

Wie sind Sie nach Berlin gekommen?

Das waren diese „soggiorni studio e lavoro“ der Provinz, vom italienischen Assessorat finanziert. Zuerst einmal vier Monate. Und das war für mich eine entscheidende Erfahrung. An einem Ort zu leben, wo praktisch alles deutsch ist: die Kultur, das Land. Und dann war es Berlin, und nicht irgendwo in der Provinz. Das hat mich schon gefordert.

Aber wollten Sie damals schon übersetzen, zwischen den Sprachen vermitteln?

Nein, zunächst nicht. Nach dem Abitur bin ich nach Trient gezogen und habe angefangen, Literatur zu studieren, nicht Sprachen. Erst in Berlin im Jahr 2000 ist es losgegangen. Und dann haben die Freundschaften begonnen. Und erst dann – genauer gesagt, zur Zeit des Doktorats in den Jahren von 2001 bis 2005 – habe ich wirklich angefangen zu übersetzen. Das war wie das Zusammenwachsen eines Berufs. Ich war ein Liebhaber der Literatur. Ich wollte lesen, Kritiken schreiben – womöglich selber schreiben. Und das Übersetzen gehörte irgendwie dazu.

Haben Sie damals schon Ingo Schulze übersetzt?

Ingo Schulze habe ich gleich zu Anfang im Jahr 2000 kennengelernt und langsam sind wir Freunde geworden, sehr gute Freunde. Und im Jahr 2006 – er wusste, dass ich immer wieder Probleme mit Jobs und Geld hatte – hat er gesagt: Probier es doch mal. Vielleicht wirst du sogar mein Übersetzer. Er wollte also, dass ich eine Übersetzungsprobe bei Feltrinelli abliefere, und ich habe das probiert und es hat erstaunlicherweise geklappt. Damals war ich wirklich zum ersten Mal aufgefordert, Literatur zu übersetzen, offiziell sozusagen, mit einem Vertrag und allem Drum und Dran. Ich war schon über 30.

[...]

Sie sind Südtiroler. Sie hätten doch an sich viel früher die Möglichkeit gehabt, ins Deutsche „einzutauchen“, wie Sie sagen. Sind Sie aber nicht.

Ich glaube, das liegt daran, dass man in Bozen – vielleicht nicht so sehr in Brixen, Bruneck oder in Meran, aber in Bozen – als Italiener aufwuchs, keineswegs in einem interkulturellen Milieu. Im Hof meiner Mittelschule gab es einen Zaun zwischen uns und den deutschen Mittelschülern. Und diesen Zaun hätte es eigentlich gar nicht gebraucht, denn wir haben zu anderen Zeiten Pause gehabt. Man musste sich also nicht treffen. Natürlich, heute finde ich das dumm, damals fand ich es normal. Ich habe die deutsche Sprache einfach nicht gespürt, nicht eingeatmet. Ich muss zugeben: Als ich nach Berlin gekommen bin, konnte ich nicht besonders gut Deutsch. Aber meine theoretischen Kenntnisse waren besser als bei vielen anderen, die mit mir die Kurse besuchten. Sie hatten vielleicht drei Monate auf der Straße in Deutschland die Sprache gelernt. Und sie haben sofort viel mehr gekonnt als ich. Aber sie wussten nicht, wie ein Satz aufgebaut ist.

Wie viel Schuld daran trägt der Südtiroler Dialekt?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Ich habe jetzt gerade acht Monate beim INPS/NISF im Bozner Büro der staatlichen Versicherungsanstalt gearbeitet und immer, wenn ich mit deutschsprachigen Besuchern zu tun hatte, bemühten sich die Leute, mit mir hochdeutsch zu reden. Gut, manchmal bemühten sie sich auch nicht. Und erst hier beim INPS/NISF habe ich ein bisschen Südtirolerisch gelernt.

War das ein Gewinn?

Es hat mich gefreut. Als ich hierher zurückkam, hatte ich das Gefühl: Ich kenne die Sprache nicht, die hier geredet wird. Und als Italiener in Südtirol ist das umso schlimmer, weil man selbst auch keinen italienischen Dialekt spricht. Damit haben wir in mancher Hinsicht keinen konkreten Urbezug zu den Dingen wie in allen anderen Regionen Italiens. Wir sprechen von Anfang an eine Standardsprache, eine mediale Sprache.

Ist das nicht auf irgendeine verquere Weise wiederum nützlich für einen Übersetzer?

Paradoxerweise könnte das sehr nützlich sein für einen Übersetzer. Das hat mir sogar einmal mein Professor an der Uni gesagt. Es könnte sein, dass das Einfluss auf meine Art zu schreiben hat. Wenn ich italienisch schreibe, bin ich hyperkorrekt. Und das kommt eben daher, dass wir über keinen Dialekt verfügen. Das ist ein ständiges Defizit, wenn man sich mit Italienern aus Rom oder Mailand auseinandersetzt: dass man diese Nuancen nicht hat.

Wird man hier in Südtirol also auch als Italiener in einer gewissen Art von der deutschen Sprache beeinflusst?

Ja. Oder zumindest von dem, was man passiv mitbekommt. Aber das sind in Wirklichkeit relativ unfassbare Dinge.

Ist das Übersetzen nicht überhaupt etwas „Unfassbares“?

Bei einem Gedicht – im Extrembeispiel – müsste man den Text in einer neuen Sprache „nachdichten“ und dennoch denselben Text schreiben.

Ist das nicht im Grunde die Quadratur des Kreises?

Danilo Kis aus Jugoslawien, ein Romancier, ist ein Autor, der mir sehr wichtig ist. Er hat immer wieder auch Gedichte übersetzt, weil er der Meinung war, dass dies der Weg sei, wirklich in die eigene und in die andere Sprache einzutauchen, so tief wie möglich. Ich denke, er hat recht. Man könnte natürlich auch behaupten, dass es unmöglich sei, Gedichte zu übersetzen. Aber Derrida würde sagen: Gerade deswegen ist es nötig! Ich habe selber versucht, Gedichte zu übersetzen. Da kommt man tatsächlich zu dem, was Walter Benjamin meint, wenn er von dem „Wesen der Sprache“ redet. Beim Übersetzen eines Gedichtes hat man wirklich damit zu tun, dass nicht nur die Sprache, ihre Musik und ihre Gleichnisse, ihre Bedeutung übersetzt werden müssen, sondern auch das Unausdrückbare am Gedicht soll mit übersetzt werden. Und genau das ist eben das Problem.

Das Übersetzen betrifft nicht nur die Sprache, sondern auch das, was die Sprache ohne Worte vermittelt?

Genau. Bei Gedichten etwas stärker als bei Prosatexten. Und wenn man in der eigenen Sprachmusik, mit eigenen Mitteln so etwas ahnen lassen kann, dann ist man vielleicht in der richtigen Richtung unterwegs. Aber das ist natürlich eine unendliche Mühe. Man kennt große Autoren, die lebenslang immer dieselbe Autorin, denselben Autor übersetzt haben. Andrea Zanzotto hat auch jahrelang Hölderlin übersetzt. Immer und immer wieder. Ich habe nichts als meine konkrete Erfahrung. Und es sind erst wenige Jahre, die ich übersetze. Das, was man nicht sagen kann, weil es in dem Gedicht steckt, ohne offensichtlich hineingeschrieben worden zu sein, ist das, was du transportieren musst, indem du es geschehen lässt. In jeder Sprache ist das anders. Das ist die große Herausforderung.

[...]

Kommen wir noch einmal zurück zu Südtirol. Eigentlich wäre der Ort hier prädestiniert dafür, dass man die beiden unterschiedlichen Denkweisen, die beiden unterschiedlichen Kulturen, die Rhythmen der jeweiligen Sprache begreift. Man könnte hier in das jeweils andere System des Denkens „eintauchen“. De facto passiert es nicht so. De facto passiert das Gegenteil: Hier wachsen kaum gute Übersetzer und Übersetzerinnen heran. Um es einmal pointiert auszudrücken: Eigentlich sind Sie geradezu ein Phänomen, dass Sie zu einem literarischen Übersetzer wurden. Obwohl Sie in Südtirol aufgewachsen sind.

Das habe ich mich hin und wieder auch schon gefragt. Wissen Sie: Immer, wenn ich nach Italien fuhr – seit ich volljährig bin –, fühlte ich mich genauso deplatziert, wie wenn ich nach Deutschland fuhr. In Italien fühlte ich mich zu wenig italienisch, in Deutschland fühlte ich mich sowieso zu wenig deutsch, um mich hier oder dort zu Hause zu fühlen. Und das hat dummerweise nicht einmal dazu geführt, dass ich mich hier, in Südtirol, zu Hause gefühlt habe. Mein eigenes Land, Italien also, hat mir nie wirklich auf meinem Weg geholfen. Wenn ich mich frage: Wie ist es gekommen, dass ich jetzt die deutsche Sprache ebenso sehr liebe wie die italienische, so muss ich antworten: Das liegt daran, dass ich irgendwann in der deutschsprachigen Kultur endlich einmal etwas Wichtiges für mein Leben erlebt habe. Also war für mich Berlin eine Wiedererstehung.

Eine Initiation gewissermaßen?

Ja, tatsächlich. Etwas, was mir im eigenen Land nie wirklich widerfahren ist. Ich wurde in Deutschland auch sehr viel stärker unterstützt und gefördert, als es mir je in Italien widerfahren ist. Jeder hat die Möglichkeit, das zu erleben, überall. Wenn man das aber in einem Ort erlebt, an dem man eine andere Sprache spricht, dann wird es wie eine Wiedergeburt. Im metaphorischen Sinne hat man es dort auch wieder mit einer Muttersprache zu tun. Zur Welt kommen und eine neue Mutter haben. Natürlich ist es eine künstliche Muttersprache. Aber da finden wir uns plötzlich in einer Sprache wieder, die uns die ganze Welt vermittelt, in der wir etwas Wichtiges erlebt haben.

Wenn ich Sie richtig verstehe, fühlen Sie sich an jedem Ort irgendwie „doppelt“: nicht ganz hier und auch nicht dort. Vielleicht ist eine solche doppelte Identität, zumindest ein Stück weit, wichtig für ein gutes Übersetzen?

Sprache ist nicht nur Kommunikation. Da gibt es immer auch das, was wir vorhin das „Unausdrückbare“ genannt haben. Es klingt altmodisch, wenn man sagt: Es geht um das Wesentliche, das, was dem Wesen nahekommt. Vielleicht sollte man immer auch den Mut haben, ein bisschen im Unbestimmten zu verweilen. Denn es gibt eben doch dieses Wesentliche, wenn verkörperte Menschen, wenn wahre Menschen etwas äußern oder etwas ausdrücken wollen. Und je mehr wir danach suchen, desto eher gleitet es uns durch die Finger. Das geht weit über die kommunikative Funktion der Sprache hinaus. Das ist es, was mich am Übersetzen wirklich fasziniert.

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